Traumafolgen: Trauma trennt uns von uns selbst

Der Begriff Trauma kommt von einem griechischen Wort für „Wunde“ und beschreibt in der Psychologie eine innere oder seelische Wunde, die durch einen sogenannten traumatischen Stressor entstanden ist. Ein Trauma ist nicht das traumatische Ereignis an sich, sondern die Entfremdung vom eigenen Selbst, die als Folge des Stressors entstanden ist. Die Folgen eines Traumas sind mehrfach und komplex, aber ein wesentliche Auswirkung ist: Trauma trennt uns von uns selbst.

Kinder stehen früh im Leben oft vor schrecklichen Entwicklungsentscheidungen, wenn ihre Eltern ihnen keinen ausreichenden inneren Raum bieten können, weil sie im eigenen Leben anderweitig beschäftigt oder überfordert sind. Das Kind muss eine schmerzliche Wahl treffen: entweder ihre Verbindung zu sich selbst opfern, um die Verbindung zu ihren Bezugspersonen aufrechtzuerhalten, oder ihrer inneren Verbindung treu bleiben und die Verbindung zu ihren Bezugspersonen womöglich zu verlieren. Dabei können Kinder ein Überleben ohne die Verbindung zu einem Elternteil im Wesentlichen nicht vorstellen, und es gibt grundsätzlich einen starken bioevolutionären Impuls, das Überleben zu sichern. Bei dieser überlebenswichtigen Entscheidung geht es für ein Kind um Leben und Tod. Die Priorisierung der Verbindung zu Bezugspersonen erfordert jedoch die Bildung eines falschen Selbst zulasten des authentischen Selbst mit seinen wahren Gefühlen und Bedürfnissen. Das entspricht einer inneren Haltung, die sich nicht an der Frage „wer und wie bin ich?“ orientiert, sondern eher „wie muss ich für dich sein, damit du mich liebhast?“.

Diese Aufopferung der eigenen inneren Verbindung um den überlebenswichtigen Kontakt zu Bezugspersonen im Außen wird zur Gewohnheit – zu einem unbewussten Überlebensmuster – um die Anforderungen oder Bedürfnisse anderer zu befriedigen. Dieses Muster zieht sich als psychischer Schmerz bis ins Erwachsenenleben hindurch: Die eigene Authentizität aus einem unbewussten, automatisierten, musterhaften Impuls heraus zu verraten, um sich vor Verletzungen im Außen zu schützen oder empfundene Bedrohungen des falschen Selbst abzuwehren, tut weh.

Die Aufrechterhaltung des schützenden Selbst ist äußerst anstrengend und energetisch aufwendig. Als Folge von den wiederholten unbewussten Schutzimpulsen seit der frühen Kindheit, ist man im Hier und Jetzt von seinen wahren Gefühlen und Bedürfnissen abgekoppelt. Die Aneinanderreihung dieser aus bioevolutionärer Sicht intelligenter Überlebensentscheidungen von Kindesbeinen an blockiert jedoch im Erwachsenen seine Authentizität und Lebendigkeit. Die Überlebensstrategien, die uns einst erfolgreich geschützt haben, werden für den Erwachsenen zum Hindernis, wenn nicht sogar zur Gefahr.

Der Körper ist der Schauplatz menschlicher Emotionen. Wenn wir aufgrund von Umweltversagen in der frühen Kindheit lernen mussten, bestimmte Emotionen zu verdrängen (z.B. Wut oder Traurigkeit), mussten wir auch den Kontakt zum eigenen Körper durchtrennen. Muskuläre Verpanzerungen entstehen: der Körper hält, was Geist und Seele nicht zuzulassen wissen. Emotionen sind jedoch lediglich energetische Zustände, die im menschlichen Körper in Reaktion auf äußere Ereignisse oder Nicht-Ereignisse entstehen, einen Höhepunkt erreichen und dann wieder vergehen. Sie dürfen da sein und wollen auch unsere Beachtung. Wir können lernen, dass unsere Gefühle keine Bedrohung sind, sondern Wegweiser, die uns bei unseren Entscheidungen im Hier und Jetzt leiten können. Eine neue innere Haltung kann im Prozess erarbeitet werden: Was will mir dieses Gefühl gerade zeigen? Was tut mir gut? Was nicht? Und was mache ich in der Folge? Bei Entwicklungstrauma haben wir lernen müssen, unsere innersten Signale zu unterdrücken und ignorieren. In der Therapeutischen Allianz als Arbeitsbündnis gilt es, den Kontakt zum eigenen Körper als sicherer Ort sowie zu seinen wahren Gefühlen als wegweisenden Diener unseres berechtigten Interesses wiederherzustellen.

Heilung und Selbsttransformation beginnen damit, dass wir uns unserer inneren Disharmonie und Konflikte bewusst werden und sie Anerkennung schenken. Ein Verständnis und auch Selbstmitgefühl dafür zu entwickeln, dass diese Trennung vom eigenen Selbst unter den gegebenen Umständen notwendig war, kann ein Gefühl der Erleichterung hervorrufen und Selbstversöhnung herbeiführen.

Wieder in Verbindung mit sich selbst über den Körper zu kommen, kann uns dazu befähigen, unsere eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu validieren: Wir können lernen, uns endlich all das zu geben, was wir verdient aber nie ausreichend bekommen haben. Zu akzeptieren, dass es in der eigenen Verantwortung liegt, für sich selbst zu sorgen, ist ein Prozess, der eine lebenslange innere Arbeit mit sich bringen kann. Zu lernen, sich selbst mit bedingungsloser Freundlichkeit zu umsorgen und zu nähren, kann eine bereichernde Reise sein, die ein Gefühl der inneren Vollständigkeit wiederherstellt, das in der frühen Kindheit als notwendige Anpassung verloren gegangen ist.

Du kannst dir selbst die Erlaubnis geben, diese innere Arbeit zu leisten, dir Zeit dafür zu nehmen und zu lernen, dir selbst von innen heraus Bestätigung zu geben und zu spüren. Wenn wir uns bewusst machen, wie wir uns im Hier und Jetzt verteidigen und schützen, offenbart sich das Ziel, das auf jeder inneren Reise der Selbstfindung, Heilung und Wiederverbindung auf uns wartet: das authentische und essentielle Selbst – das Schützenswerte im Kern unseres Wesens.