Auswege aus einer Beziehungskrise?

Welche Funktion erfüllt die romantische Beziehung oder Partnerschaft heute? Nimm dir kurz Zeit, um in dich hineinzuhorchen und deine tiefste Sehnsucht nachzuspüren: Suchst du in deiner Partnerschaft ein Gefühl der Vollkommenheit? Dein Gegenstück? Willst du gänzlich gesehen und verstanden werden? Sehnst du dich nach bedingungsloser Liebe und Akzeptanz?

Die moderne Liebe übt einen unglaublichen Druck in romantischen Partnerschaften aus: Die Ehe hat sich von einer Transaktion zu einem Gebilde gewandelt, an dem wir nach unserer tiefsten Erfüllung suchen. In einer Zeit von zunehmender Entfremdung stellen wir auch unbewusst die Erwartung an unseren Partnern, ein und aus mehreren Rollen zu schlüpfen. Wir möchten z.B., dass unsere Partner unsere besten Freunde und Weggefährten sind, und zugleich unsere Liebhaber – eine Quelle von Abwechslung und Abenteuer und Beständigkeit und Stabilität im gleichen Maße. Wir erwarten vielleicht sogar unbewusst, dass sie sich um uns kümmern, so wie eine ideale Bezugsperson sich um ein Kind kümmert. So nachvollziehbar diese Sehnsüchte sind, inwiefern ist es realistisch, dass ein Mensch für uns die Arbeit einer ganzen Community leistet?

In einer Welt, die sich zunehmend unsicher und feindselig anfühlen kann, ist es ein natürlicher Impuls, sich nach innen zu wenden, und unseren Vertrauenskreis auf sogar nur eine Person zu verkleinern, auch wenn sie bei diesem geheimen Auftrag letztlich zum Scheitern verurteilt sind. Viele Paare landen schließlich an einem Punkt, an dem es sich so anfühlt, als würde die Quelle ihres Leidens beim Partner liegen: „Wenn sie nur so mit mir umginge… wenn er nur dies statt jenes tun würde.“ Unerkannt bleibt, dass die tiefste Ursache für den Schmerz, den wir in uns tragen, tatsächlich in der Vergangenheit liegt: Er stammt aus unseren ersten Liebesbeziehungen – zu Mutter und Vater oder anderen Bezugspersonen wie den Großeltern – dem Ursprung all unserer impliziten emotionalen Lernerfahrungen darüber, was es bedeutet, Nähe und Intimität zu erleben.

Wessen Aufgabe ist es, sich um den emotionalen Schmerz zu kümmern, den wir in unserem eigenen Körper spüren? Es ist ein natürlicher Impuls, diese Aufgabe an unsere Partner auslagern zu wollen, aber niemand außerhalb von dir kann dich von den Schmerzen befreien, die in dir stecken. Außenstehende beleuchten lediglich den Weg zu einer inneren Befreiung, indem sie uns die Anteile in uns aufzeigen, die immer noch unserer eigenen heilenden Aufmerksamkeit bedürfen.

In den Worten der Psychotherapeutin Lori Gottlieb „we marry our unfinished business“ – also unsere unerledigten inneren Angelegenheiten. Viele von uns wählen ihren Partner aus einem unbewussten Verlangen heraus, die eigenen noch offenen Wunden zu schließen.

Wenn wir aus einem emotional instabilen Elternhaus stammen, suchen wir womöglich einen Partner, dessen Stabilität am Anfang unwiderstehlich erscheint … bis diese Nüchternheit zu einer erdrückenden Stille wird, einer Kälte, die einem nach viel mehr Nähe und Wärme verlangen lässt. Wenn die Eltern eher gefühlskalt und emotional distanziert waren, fühlen wir uns in der Regel zu Partnern hingezogen, die uns mit ihrer emotionalen Lebendigkeit und Ausdruckskraft ein Gefühl von Aufregung und Lebendigkeit vermitteln… bis man sich schließlich durch ihre Bedürftigkeit belastet und erstickt fühlt.

Viele Paare landen an einem vorhersehbaren Ort: gegenseitige Verachtung und hartnäckiger Groll. Wir tappen in die Falle, unsere Partner dazu bringen zu wollen, sich für uns zu ändern, es für uns richtig zu machen, damit unsere alten Schmerzen wieder verschwinden. Der nachvollziehbare Wunsch, den anderen zu steuern und zu verändern, hinterlässt jedoch in uns ein Gefühl der katastrophalen Unsichtbarkeit, Unerwünschtheit und Alleinsein.

Frage dich mal: Was hat mein Partner, was ich nicht habe? Welche ihrer Eigenschaften bewundere ich in ihm oder sie? Und worauf mach ich mich vielleicht unbewusst abhängig? Ist es die Fähigkeit, ruhig und geerdet zu bleiben, egal was das Leben ihnen auch vor die Füße wirft? Sind sie furchtlos darin, ihr Herz zu zeigen oder ihre Wünsche und Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen?

Unsere Fähigkeit, eine Beziehung zu führen, entspricht direkt unserem eigenen Bewusstsein darüber, wie wir zu uns selbst und zu anderen Bezug nehmen. Die Heilung einer in die Krise geratenen Beziehung beginnt in dir.

Wie wäre es, wenn wir aufhören würden, von unserem Partner zu verlangen, dass sie uns Recht geben? Was könnten wir lernen, wenn wir damit beginnen könnten, mit Freundlichkeit und Wohlwollen ergebnisoffen zuzuhören? Wie kann ich mich mit einer Bereitschaft, meine eigene Perspektive zu erweitern, in Begegnung zu kommen?

Du kannst lernen, nicht mehr unbewusst in heutigen Konfliktsituationen mit der Vergangenheit zu hadern. Du kannst die Dinge betrauern, die du hättest bekommen sollen, aber nie bekommen hast. Du kannst lernen, aus deinem authentischen Selbst zu leben und Entscheidungen zu treffen, die mit deinen Werten im Einklang stehen. Es ist viel leichter gesagt als getan aber jede Bemühung in diese Richtung lohnt sich.

Wenn du lernen willst, wie du die Emotionen, die in deiner Beziehung aufkommen, souverän zu begegnen und deine Auswahl an Reaktionsmöglichkeiten in Konfliktsituationen zu erweitern, lasst uns reden. Wenn du dich danach sehnst, die Energie in deiner Beziehung zu verändern, beginne dort, wo du ganz sicher einen Einfluss haben kannst: in dir.

Entdecke mehr von Jesse Kopp - Körperpsychotherapie • Coaching

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen