Alleinsein und Einsamkeit: wichtige Differenzen
Alleinsein ist der objektive, auch oft selbstbestimmte, wohltuende Zustand, physisch von niemandem umgeben zu sein. Einsamkeit ist hingegen ein emotional schmerzhaftes, subjektives Gefühl der unerwünschten Isolation. Alleinsein kann zur Erholung dienen, während Einsamkeit als innere Erfahrung auftreten kann, selbst wenn man sich inmitten von anderen Menschen befindet. Gerade für Menschen, die in der Kindheit emotional vernachlässigt wurden, stellt Einsamkeit ein prägendes inneres Erlebnis dar.
Menschen, die keine tiefgreifende emotionale Vernachlässigung in der Kindheit erlebt haben, können sich auch zeitweise einsam fühlen. Dennoch fühlen sie sich grundsätzlich mit anderen Menschen und der Welt verbunden. Man fühlt sich vielleicht durch Lebensumstände unerwünscht einsam, wenn man z. B. gerade in eine neue Stadt gezogen ist und noch nicht viele Freunde gefunden hat. Dennoch glauben Menschen, denen traumatische Bindungserfahrungen erspart blieben, an ihre grundsätzliche Fähigkeit, mit anderen in Verbindung zu treten, und daran, dass Verbundenheit und Zugehörigkeit in ihrem Leben real und möglich sind – auch wenn es nach einem einschneidenden Lebensereignis wie einem Umzug oder einer Trennung etwas Zeit braucht, um neue, befriedigende Verbindungen aufzubauen.
Wenn Einsamkeit zur inneren Wahrheit wird
Ein tiefgreifendes, schmerzhaftes Gefühl der Einsamkeit prägt jedoch die Lebensrealität von Menschen, die in der Kindheit anhaltend emotional vernachlässigt wurden. Bei einem Trauma, das durch emotionale Vernachlässigung entstand, wird Einsamkeit zu einer allumfassenden inneren Wahrheit – zur Realität – und fühlt sich alles andere an als ein innerer Zustand, der gelegentlich auftaucht und bald wieder vergeht. Diese Art der Einsamkeit – eine gefühlt grundsätzliche Isolation und Trennung von anderen Menschen – ist existenziell und prägend auf Identitätsebene. Entfremdung scheint der Realität innezuwohnen, anstatt nur eine vorübergehende Lebenserfahrung zu sein, die normal und punktuell zu jedem Leben dazugehört.
Die unsichtbaren Schutzmechanismen emotionaler Vernachlässigung
Ein weiterer Aspekt der emotionalen Vernachlässigung ist, dass sich verschiedene Selbstschutzmechanismen entwickeln – Verhaltensweisen und Bindungsmuster –, die es sehr schwer machen zu widerlegen, dass dieses Gefühl der beständigen Einsamkeit kein getreues Abbild der objektiven Realität darstellt. Unbeabsichtigt halten diese Anpassungen, die in den emotionalen Notlagen der frühen Kindheit entstanden sind, die gefühlte Realität der Einsamkeit im Leben des Erwachsenen aufrecht. Man hält unbewusst andere auf Distanz und errichtet hohe emotionale Mauern, was diesen gefühlten Zustand der permanenten Einsamkeit beständig macht.
Warum „Geh einfach unter Menschen“ nicht hilft
Menschen, die dauerhaft emotionaler Vernachlässigung in der frühen Kindheit ausgesetzt waren, können unter anderen Menschen sein – vielleicht sogar sehr häufig – und sich dennoch zutiefst, ja geradezu verheerend einsam fühlen. Dieses beständige Erleben der Einsamkeit ist eine tiefsitzende emotionale Realität, die seit Jahrzehnten seelisch und körperlich verankert ist. Somit ist es ein Muster, das sich nicht einfach dadurch ändern lässt, dass man mehr Zeit mit anderen verbringt. Es reicht nicht aus, jemandem, der emotional vernachlässigt wurde, zu sagen: „Such dir einfach ein paar Freunde, geh auf Dates oder verbringe Zeit mit anderen Menschen.“
Aus der Einsamkeit, in Verbindung
Um die Folgen von emotionaler Vernachlässigung zu überwinden, muss man erleben, dass man durchaus ein Mensch ist, der fähig ist, Beziehungen einzugehen und aufrechtzuerhalten. Es muss spürbar werden, dass man nicht von Natur aus von anderen getrennt ist. Es hilft, zu verstehen und zu verinnerlichen, dass diese Einsamkeit einem durch äußere Umstände aufgezwungen wurde, während das wahre Selbst – genau wie jeder andere Mensch auch – von Natur aus auf Verbundenheit mit seinen Mitmenschen ausgerichtet ist.
Die Aufgabe besteht somit darin, sich die Schutzmechanismen bewusst zu machen, die einen in diesem erlernten Zustand der inneren Einsamkeit gefangen halten – gefangen in einer Realität, die man sich nicht wünscht. Sich für Verbindung zu öffnen und in Verbindung präsent zu sein und zu bleiben – mit sich selbst und mit anderen zugleich – verlangt von Betroffenen eine tiefe innere Transformationsarbeit, die im Schutzraum einer therapeutischen Beziehung beginnen kann.
Emotionale Vernachlässigung in der frühen Kindheit hinterlässt unsichtbare Wunden, die Schritt für Schritt heilen können. Als Körperpsychotherapeut arbeite mit Menschen, die diesen existenziellen Schmerz kennen, weil ich glaube: Wer früher schmerzhaft lernen musste, auf sich allein gestellt zu sein, verdient im Hier und Jetzt die Erfahrung, gesehen und gehört zu werden. Lass uns gern darüber reden:
